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Wie Dauerstress unser Gehirn verändert und welche Rolle Deep Rest dabei spielen kann

„Hat sich unser Gehirn einmal an Stress gewöhnt, bleibt es einer Theorie zufolge permanent im Alarmmodus. Das hat gravierende Folgen. Doch es gibt ein Gegenmittel: ‚Deep Rest‘.“

GEO Magazin

Hinter diesem Satz steht die Forschung von Alexandra D. Crosswell und Elissa Epel von der University of California in San Francisco. Die Forscherinnen haben ihr Modell in der Fachzeitschrift Psychological Review veröffentlicht. Sie nennen es Deep Rest, tiefes Ruhen. Gemeint ist ein Zustand, der weit über gewöhnliche Erholung hinausgeht.

Warum wir trotz Ruhe oft erschöpft bleiben

Der Arbeitstag ist vorbei. Vielleicht bleibt noch Zeit für einen Spaziergang, ein gutes Buch oder einen ruhigen Abend auf dem Sofa. Trotzdem stellt sich das Gefühl wirklicher Erholung nicht ein. Die Gedanken kreisen weiter, innerlich bleibt eine feine Anspannung.

In meiner Arbeit höre ich das immer wieder. Menschen erzählen, dass sie schlafen und trotzdem müde aufwachen. Andere nehmen sich bewusst Zeit zum Ausruhen und spüren dennoch diese Anspannung. Der Körper ist ruhig, während der Geist längst den nächsten Tag plant.

Die Forscherinnen Crosswell et al. gehen davon aus, dass sich unser Nervensystem ständig an die Anforderungen unseres Lebens anpasst. Kurzfristiger Stress gehört dazu. Er hilft uns, Herausforderungen zu bewältigen. Schwierig wird es, wenn dieser Zustand nicht mehr ganz abklingt. Verantwortung, Termine, Leistungsdruck oder Sorgen halten das Gehirn wachsam, als müsse es jederzeit auf die nächste Herausforderung reagieren.

Das könnte erklären, warum Schlaf, freie Wochenenden oder Urlaub zwar guttun, sich aber nicht immer wie echte Erholung anfühlen.

Das Deep Rest Modell auf einen Blick

Grafik: vier Zustände des Nervensystems nach Crosswell – akuter Stress, moderate Belastung, Rest (Ruhe) und Deep Rest (tiefes Ruhen)
Eigene vereinfachte Darstellung nach Alexandra D. Crosswell et al., Psychological Review.

Crosswell und Epel unterscheiden vier Zustände unseres Nervensystems.

Ganz oben steht der akute Stress. Er tritt in belastenden Situationen auf, etwa vor einem wichtigen Termin oder in einem Konflikt. Das ist grundsätzlich kein Problem, solange er wieder abklingt.

Darunter liegt die moderate Belastung. Das ist die anhaltende innere Aktivierung, die viele Menschen heute im Alltag erleben. Das Nervensystem bleibt aufmerksam, obwohl keine unmittelbare Gefahr besteht.

Es folgt Rest, die Ruhe. Gemeint sind die Erholungsphasen unseres Alltags, etwa Schlaf, Ausruhen oder ein ruhiger Abend.

Als vierte Ebene beschreiben die Forscherinnen Deep Rest. Dieser Zustand geht über gewöhnliche Erholung hinaus. Was dabei im Körper geschieht, ist für mich der spannendste Teil des Modells.

Was im Körper geschieht

Das Modell verbindet Erkenntnisse aus der Stressforschung, der Meditationsforschung und der Biologie unserer Zellen. Es geht dabei auch um die Mitochondrien, die kleinen Kraftwerke in jeder Zelle.

Im Mittelpunkt steht Sicherheit. Wenn wir tief ruhen, bekommen Gehirn und Nervensystem das Signal: Du bist sicher. Die Forscherinnen sprechen von „safety signaling“.

Dann kann sich im Körper einiges verändern. Energie, die sonst für Kampf oder Flucht bereitgehalten wird, steht für Reparatur und Erneuerung der Zellen zur Verfügung. Der Parasympathikus übernimmt stärker die Führung, und der Körper schaltet auf Regeneration und Heilung um.

Crosswell et al. gehen außerdem davon aus, dass tiefes Ruhen auf Dauer Entzündungen dämpfen, Alterungsprozesse in den Zellen verlangsamen und die Erbsubstanz schützen kann. Vieles davon muss noch genauer untersucht werden. Aber das Modell gibt der Forschung eine Richtung und uns eine Sprache für etwas, das wir oft nur spüren.

Was Deep Rest von Ruhe unterscheidet

Gewöhnliche Ruhe bleibt wichtig. Sie gehört zu einem gesunden Leben. Aber Fernsehen oder zehn Minuten ohne Handy reichen oft nicht, damit das Nervensystem aus seiner Wachsamkeit herausfindet.

Deep Rest hat eine andere Qualität. Der Organismus erfährt allmählich, dass nichts mehr erledigt werden muss. Das Loslassen geschieht nicht auf Knopfdruck. Es entwickelt sich oft ganz von selbst, wenn wir uns sicher fühlen und aufhören, ständig reagieren zu müssen.

Wissenschaft und Erfahrung

Die Wissenschaft spricht vom autonomen Nervensystem, vom Parasympathikus und von regenerativen Prozessen.

In der Deep Rest Meditation sprechen wir von Achtsamkeit, Gewahrsein, Loslassen und tiefem Ruhen. Beide Perspektiven schauen auf dieselbe menschliche Fähigkeit.

Über Stress ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden. Vielleicht rückt jetzt eine ebenso wichtige Frage in den Mittelpunkt:
Wie finden wir wieder in einen Zustand, in dem unser Organismus wirklich regenerieren kann?

Für mich ist Deep Rest keine Technik und kein schneller Weg zur Entspannung. Es ist ein Erfahrungsraum, in dem Körper, Gefühle und Geist allmählich zur Ruhe kommen dürfen und Gewahrsein entstehen kann.

Die Fähigkeit, tief zu ruhen, ist in jedem Menschen angelegt.
Unser Körper kennt Regeneration. Unser Nervensystem kennt Sicherheit. Und auch unser Geist kennt Momente, in denen er für eine Weile nichts denken muss. In der Deep Rest Meditation geben wir der Kultivierung dieser natürlichen Fähigkeiten wieder Raum.

Aus eigener Erfahrung
In meiner Arbeit und im Netzwerk der zertifizierten Deep Rest Meditationslehrer*innen steht die eigene Erfahrung im Mittelpunkt. Tiefes Ruhen begleitet mich seit fast zwanzig Jahren. Anfang 2006 habe ich es während eines längeren Retreats in Indien selbst intensiv erlebt. Seitdem unterrichte ich Deep Rest Meditation, seit 2021 auch in einer Fachfortbildung für Menschen, die andere mit achtsamkeitsbasierten Methoden begleiten. Deshalb freut es mich so, dass dieser Erfahrungsraum jetzt auch in der Forschung Aufmerksamkeit bekommt.