Die Philosophin Marina Christodoulou beschreibt eine Form der Erschöpfung, die weit über gewöhnliche Müdigkeit hinausreicht. Ihre These hat mich aufhorchen lassen: Vielleicht sind viele Menschen heute nicht nur erschöpft von ihrer Arbeit und ihrem Alltag. Vielleicht sind sie müde vom Sein oder von der Welt, in der wir leben, und von den Anforderungen, die mit ihr verbunden sind.
Ich bin auf einen Artikel gestoßen, der mich seitdem nicht ganz losgelassen hat. Es geht um einen Zustand, den ich aus dreißig Jahren Begleitungsarbeit gut kenne.
Die Philosophin Marina Christodoulou beschreibt diesen Zustand als „ontologisch-existenzielle Erschöpfung“. Der Begriff klingt zunächst sperrig, fast zu akademisch für etwas so Persönliches wie Müdigkeit. Doch dahinter verbirgt sich eine Beobachtung, die mich berührt hat.
Christodoulou promovierte 2022 und veröffentlichte in einer Sonderausgabe des Fachjournals Angelaki – Journal of the Theoretical Humanities einen Beitrag, der in der Fachwelt große Aufmerksamkeit erregte. Darin beschäftigt sie sich mit einer Erschöpfung, die tiefer reicht als körperliche Müdigkeit.
Müde sein oder müde vom Sein?
Im Artikel beschreibt sie eine konkrete Szene: Jemand sitzt abends nach der Arbeit am Küchentisch, zu erschöpft, um zu kochen oder eine Nachricht zu beantworten.
Es geht dabei um mehr als gewöhnliche Müdigkeit. Es ist das Gefühl, dass die Welt selbst zu schwer geworden ist, um am nächsten Morgen wieder weiterzumachen.
Christodoulou unterscheidet zwischen zwei Zuständen: müde sein und müde vom Sein.
Wenn du müde bist, brauchst du vielleicht Schlaf, eine Pause oder Unterstützung. Müde vom Sein zu sein bedeutet etwas anderes: müde davon zu sein, genau diese Person in genau dieser Welt mit genau diesen Anforderungen sein zu müssen. Eine Erschöpfung, die sich über das Leben im Ganzen legt.
Diese Unterscheidung hat für mich etwas bestätigt, das mir aus der Perspektive einer buddhistischen Lehrerin schon lange vertraut ist. Was Christodoulou als ontologisch-existenzielle Erschöpfung beschreibt, würde ich oft eher eine Sinnkrise oder existenziellen Krise nennen – und manchmal auch einen Weckruf des Lebens.
Denn nicht jede Erschöpfung entsteht allein aus zu wenig Schlaf, zu viel Arbeit oder einer anstrengenden Lebensphase. Manchmal zeigt sie, dass die bisherige Weise zu leben innerlich nicht mehr trägt.
Ein Urlaub kann bei gewöhnlicher Müdigkeit helfen. Diese tiefere Erschöpfung wird dadurch oft kaum berührt. Du kommst vielleicht von einigen freien Tagen zurück, dein Körper ist etwas erholter, und doch spürst du, dass sich innerlich wenig verändert hat.
Wenn selbst das eigene Leben zur Aufgabe wird
Christodoulou beschreibt außerdem, wie das Selbst heute oft wie ein Projekt behandelt wird, das ständig verbessert werden soll: gesünder, produktiver, belastbarer.
Selbst das Privatleben kann dadurch zu einer Form von Arbeit werden. Wir werden nicht nur müde von all den Dingen, die wir tun, sondern auch davon, ständig jemand sein zu müssen.
Gerade Menschen, die von außen betrachtet erfolgreich und gefestigt wirken, können über lange Zeit ihren Aufgaben nachkommen, Verantwortung tragen und vieles zusammenhalten. Innerlich kann jedoch eine Erschöpfung wachsen, die sich durch bessere Organisation oder eine weitere Pause nicht mehr beruhigen lässt.
Damit wird zugleich zugleich auf größere Zusammenhänge hingewiesen: auf unsere Lebensrhythmen, unsere Arbeitsbedingungen und auf die Geschwindigkeit, in der wir heute leben müssen.
Was geschieht, wenn Selbstoptimierung nicht mehr trägt?
Aus buddhistischer Sicht kann eine solche Krise einen Wendepunkt markieren. Sie macht sichtbar, dass mehr Anstrengung, mehr Disziplin oder weitere Selbstoptimierung nicht automatisch zu mehr innerem Frieden führen.
Manchmal beginnt Veränderung in dem Moment, in dem du aufhörst, dich weiter verbessern zu wollen, und beginnst, wirklich anzukommen.
Darin erkenne ich einen wesentlichen Kern der Deep Rest Meditation. Deep Rest eröffnet einen Erfahrungsraum, der über gewöhnliches Ausruhen hinausgeht. Körper, Gefühle und Gedanken dürfen allmählich zur Ruhe kommen. Der Druck, etwas erreichen oder verändern zu müssen, darf nachlassen.
Wenn du lange in Anspannung gelebt hast, kannst du nicht auf Kommando entspannen. Tiefes Ruhen lässt sich nicht erzwingen. Es braucht Zeit, Geduld und die wiederholte Erfahrung, für einen Moment nichts leisten zu müssen.
Viele Menschen glauben, tiefe Ruhe sei etwas, das sie sich erst verdienen müssten, wenn alles erledigt ist. Doch dieser Zeitpunkt kommt selten. Irgendetwas bleibt immer offen.
So kann selbst die Erholung wieder in die Logik des Funktionierens geraten: Sie soll möglichst schnell wirken, uns leistungsfähig machen und dafür sorgen, dass wir bald wieder weitermachen können.
Wenn Erschöpfung zum Wendepunkt wird
Deep Rest folgt einer anderen Bewegung. Das Müssen, Wollen und Tun darf für einen Moment zurücktreten. Im tiefen Ruhen darf der Körper loslassen. Gefühle dürfen gefühlt werden. Gedanken müssen nicht weiterverfolgt oder gelöst werden. So kann es möglich werden, auf einer tieferen Ebene zur Ruhe zu kommen.
Christodoulou beschreibt Erschöpfung als eine mögliche Schwelle. Sie kann zeigen, dass die bisherige Weise zu leben nicht mehr trägt.
Auch das ist mir aus der buddhistischen Praxis vertraut. Krisen können uns zunächst erschüttern. Zugleich können sie etwas sichtbar machen, das wir im dauernden Tun lange übergangen haben.
Vielleicht wird dann spürbar, dass es Zeit ist, langsamer zu werden, echte Regeneration zuzulassen und sich selbst wieder wahrzunehmen, ohne sofort etwas daraus machen zu müssen.
Was kann eine Meditationspraxis in einer Erschöpfung bewirken, deren Ursachen zugleich persönlich, gesellschaftlich und existenziell sind? Christodoulou macht deutlich, dass diese Erschöpfung nicht allein individuell zu lösen ist. Auch gesellschaftliche und politische Veränderungen sind notwendig.
Deep Rest kann jedoch einen Raum öffnen, in dem diese Fragen überhaupt erst wahrnehmbar werden. Solange wir im Dauerbetrieb bleiben, fehlt oft die innere Weite, um zu erkennen, was in unserem Leben nicht mehr stimmt und wonach wir uns wirklich sehnen.
Vielleicht erkennst du dich in dieser Müdigkeit wieder, die tiefer reicht als der letzte Arbeitstag.
Dann bist du damit nicht allein.
Moment zurücktreten. Im tiefen Ruhen darf der Körper loslassen. Gefühle dürfen gefühlt werden. Gedanken müssen nicht weiterverfolgt oder gelöst werden. So kann es möglich werden, auf einer tieferen Ebene zur Ruhe zu kommen.
Zum Fachartikel:
ONTOLOGICAL–EXISTENTIAL EXHAUSTION being-tired and tired-of-being
Zum Presseartikel:
Presseartikel Juni 2026